„Wir wollen, dass die zentrale Bundesligarunde zu einer Institution in Berlin wird“

Interview mit Jörg Schulz, 1. Vorsitzender der Schachfreunde Berlin 1903

Jörg Schulz

„Wir wollen, dass die zentrale Bundesligarunde zu einer dauerhaften Institution in Berlin wird“

Interview mit Jörg Schulz

Lieber Jörg, die Schachfreunde Berlin richten nun schon zum zweiten Mal in Folge die zentrale Bundesligaendrunde aus. Könnte hieraus eine dauerhafte Institution werden? Was sind die Pläne des Vereins hierzu? Gibt es schon veröffentlichungsfähige Überlegungen für die nächsten Jahre?

Jörg Schulz: Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man darf nicht übersehen, wir sind ein Verein, zwar einer mit rund 140 Mitgliedern, aber eben nur ein Verein. Nicht vergleichbar mit dem Deutschen Schachbund mit seiner Manpower und der Maschinerie dahinter. Aber es gibt bei uns schon die Idee einer langfristigen Bindung der zentralen Endrunde der Schachbundesliga an Berlin. Und immerhin für 2019 hat mit einem einstimmigen Beschluss die Schachbundesliga eine zentrale Runde wieder nach Berlin vergeben. Dann wird es das erste Märzwochenende sein. Für 2020 führen wir die Gespräche mit dem Hotel, jedoch hat uns hier der Deutsche Schachbund eine Gegenveranstaltung auf den Wunschtermin der Schachbundesliga gelegt. Also 2019 wieder eine zentrale Runde in Berlin, und danach ist wegen der Terminproblematik alles offen. Wir wollen aber, dass die zentrale Bundesligarunde eine dauerhafte Institution in Berlin wird.

Wenn man etwas häufiger macht, wird man in der Regel auch besser. Konnten die Schachfreunde bei der diesjährigen Planung und Vorbereitung schon auf Erfahrungen zurückgreifen, die im Vergleich zum Vorjahr die Organisation erleichtern? Mit welchen Neuerungen warten die Schachfreunde bei der Organisation in diesem Jahr auf?

Jörg Schulz: Na klar, beim zweiten Mal läuft es besser, runder in der Organisation. Wir haben Hinweise von den beteiligten Vereinen bekommen, wo man besser werden kann. Vereinsintern kennen wir jetzt die Abläufe und gehen gelassener an die Veranstaltung heran. Besser werden wollen wir in der Medienarbeit. Da waren wir selbst in 2017 nicht zufrieden. Wir haben uns einen echten Profi an Bord geholt, mit dem sollte es besser werden. Und wir haben uns viele Gedanken machen müssen, wie wir auffangen wollen, dass die Frauenbundesliga diesmal nicht zentral in Berlin spielen wollte. Da sind uns, glaube ich, viele gute Veranstaltungen eingefallen.

Im vergangenen Jahr war die Finanzierung der zentralen Bundesligaendrunde und die eher zurückhaltende Beteiligung von Verbandsseite ein Thema, das auch in der Schachpresse diskutiert wurde. Ist es den Schachfreunden geglückt, für 2018 den Deutschen Schachbund und den Berliner Schachverband für diese Veranstaltung zu begeistern?

Jörg Schulz: Die Finanzierung war in 2017 wirklich ein Problem. Wie ich eingangs schon sagte, wir sind nur ein Schachverein, da müssen die Vorstandmitglieder mit ihrem eigenen Geld geradestehen, wenn die Veranstaltung im Minus endet. Und natürlich gab es eine große Verärgerung im Verein, aber auch bei vielen Schachfreunden außerhalb unseres Vereins, dass der Deutsche Schachbund uns im Regen stehen ließ! Immerhin hatten wir eine Deutsche Meisterschaft des DSB ausgerichtet. Wobei wir betonen müssen, der Berliner Schachverband war von der ersten Sekunde an mit dabei, hat uns personell und finanziell unterstützt. Und das macht er auch in diesem Jahr. Es geht ja auch nicht nur ums Geld. Wichtig ist, dass die Verbände nicht nur als Zuschauer aktiv sind, sondern sich einbringen mit Ideen, mit Veranstaltungen, mit Kontakten, mit Hilfestellungen. Das macht der Berliner Verband wirklich toll. Der DSB hat seine Zuschauerrolle derzeit wieder eingenommen, mal sehen ob mehr daraus wird. Der Antrag auf Förderung für dieses Jahr ist von uns gestellt und das Präsidium hat ihm zugestimmt.

Was uns aber wirklich freut und Mut macht für die Zukunft, die Sportstadt Berlin ist weiterhin dabei und unterstützt finanziell. Und mit dem Unternehmen UKA – Der Windparkentwickler ist ein Sponsor diesmal dabei, der als Hauptsponsor die Gesamtveranstaltung unterstützt. Dafür sind wir wirklich dankbar! Ebenso für die finanzielle Unterstützung der Grenke AG.

Die Organisation einer solchen Veranstaltung erfordert viele helfende Hände. Findet die zentrale Bundesligaendrunde eine Resonanz auch in der Breite der Vereinsmitglieder? Gibt es Deiner Meinung nach gar einen Zusammenhang zwischen dem rasanten Anstieg der Mitgliederzahlen im Verein und der Ausrichtung dieser Veranstaltung?

Jörg Schulz: Wir sind ein Bundesligaverein, der immer sehr genau auf die Stimmungslage im Verein achtet. Steht der Verein hinter seiner ersten Mannschaft? Ist die erste Mannschaft akzeptierter Teil des Vereins? Genauso halten wir es mit solchen Großveranstaltungen, die einen Verein als Ganzes fordern. Ja, wir hatten viele Helfer und ich weiß, viele im Verein waren stolz auf die Veranstaltung, die wir zusammen gewuppt hatten. Wir haben in den letzten Jahren viele neue Mitglieder hinzugewinnen können. Das hat viele Faktoren. Bestimmt haben auch die zentrale Endrunde 2017 und die rundweg sehr positive Berichterstattung darüber, einen Teil dazu beigetragen. Man muss aber auch sagen, Berlin als Stadt wächst permanent und davon profitiert auch der Schachsport. Die Mitgliederzahl in Berlin in den Vereinen, im Verband wächst insgesamt.

Das diesjährige „Begleitprogramm“ zum Bundesligaschach ist noch etwas umfassender und die gesamte Veranstaltung erstreckt sich auf insgesamt vier Tage. Was sind die Höhepunkte? Ein Akzent ist dabei im Jugendschach zu sehen. Liegt hier ein Interessenschwerpunkt der Schachfreunde Berlin?

Jörg Schulz: Die Schachbundesliga ist Leistungssport. Richtig harter, echter Leistungssport, wo die Besten antreten. Und die sind nun geballt zusammen in Berlin über drei Tage. Wir wollen die Verbindung zwischen Hobbyschach, Vereinsschach, Amateurschach und dem Spitzenschach herstellen und zwar am besten mit der ganzen Schachfamilie, der Familie. Daher unsere Überlegungen für alle Altersgruppen, für alle Spielstärken etwas anzubieten. Und wer 2017 gesehen hat, wie die Kinder und Jugendlichen auf Autogramm- und Selfiejagd waren, der weiß, wie wichtig es ist, Spitzensport und Kinder- und Jugendschach zusammenzubringen. Deshalb das Jugendschnellschachturnier. Deshalb das große Blitzturnier, an dem alle teilnehmen können, Seite an Seite und vielleicht auch mal gegen einen der vielen Großen des Schachs spielend! Ich glaube übrigens, das haben die Reaktionen des letzten Jahres gezeigt, dass die Stars auch gerne mitten drin sind in der Schachfamilie, gerne vor Zuschauern spielen. Das ist ein Geben und Nehmen.

Sollten die Schachfreunde Berlin eine vergleichbare Veranstaltung auch in Zukunft organisieren wollen: Was wären Deine Wünsche für die Zukunft? Welche Potentiale könnten noch ausgeschöpft werden?

Jörg Schulz: Schach benötigt Leuchtturmveranstaltungen in Deutschland. Schach ist beliebt, bekannt und viele spielen es, sind von ihm fasziniert. Das müssen wir nutzen und uns zeigen gegenüber der Öffentlichkeit. Und zwar in einem herausragenden Rahmen. Schulaulen und Pausenhallen hin und her, damit präsentieren wir Schach aber nicht angemessen. Mehr als 1.500 Zuschauer hatten wir 2017. Und das ist ausbaufähig. Aber nicht, wenn wir unsere eigenen Leuchtturmveranstaltungen selbst kaputt machen, wie es einzelne Funktionäre der Frauenliga dieses Jahr versucht haben, wie es geschieht, wenn man die wenigen Veranstaltungen, die es in Deutschland gibt, in direkte Konkurrenz zueinander austrägt. Das Klein-Klein muss aufgegeben werden. Auch in der Schachbundesliga muss es nicht immer heißen, mein Verein zuerst, sondern Schach zuerst! Die Schachbundesliga als Ganzes muss die Chancen der zentralen Austragung selbst besser nutzen. Der Deutsche Schachbund und seine Landes- und Jugendverbände müssen raustreten aus der Zuschauerrolle und endlich selbst aktiv werden. Schach hat keinen Grund, sich klein zu machen und zu verstecken. Schach ist großartig!

Das Interview führte Dr. Lars Hein mit Jörg Schulz, dem 1. Vorsitzenden der Schachfreunde Berlin 1903.